Tim Wieling – Profisportler und Jungunternehmer

Tim Wieling steht nicht nur für den TVB Stuttgart in den Handballhallen der Nation auf der Platte, sondern führt nebenbei auch sein eigenes Start-Up. Der 24-jährige gebürtige Bielefelder geht für die WILD BOYS auf der Rechtsaußenposition auf Torjagd. Mit seinem Modelabel „Nahtstelle“ ist er aber auch abseits des Spielfeldes erfolgreich. Wie er die duale Karriere meistert und was sich hinter seinem Handball-Start-Up verbirgt, erzählt er im Interview.

Hallo Tim! Wie schaffst du es, einerseits den Handballsport mit meist zwei Trainingseinheiten am Tag, Auswärtsreisen usw. und andererseits die Arbeit für dein Start-Up unter einen Hut zu bekommen? Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei dir aus?

Das ist eine sehr gute Frage. In erster Linie schaffe ich das nur, weil ich ein mega gutes Gründerteam und tolle Mitarbeiter/-innen habe. Wir ergänzen uns gut und teilen die Aufgaben gut ein, sodass jeder seinen Bereich hat, auf den er sich fokussieren kann. Der zweite Punkt ist, dass ich sehr viel mit Tagesplanung arbeite. Mein Kalender ist mein bester Freund geworden. Tatsächlich ist es manchmal schon sehr viel Arbeit, aber das ist kein Problem. Ich kann viel via Telefon arbeiten. Auf dem Weg vom oder zum Training kann ich viel telefonieren und so viel erledigen, während ich unterwegs bin. 

Welche Bedeutung hat es aus deiner Sicht, sich parallel zum Profisport ein zweites Standbein aufzubauen? 

Das hat für mich eine sehr hohe Bedeutung. Schon immer habe ich parallel zum Handball studiert oder gearbeitet. Handball ist meine Leidenschaft und ich bin unglaublich dankbar, dass ich das hauptberuflich ausüben kann. Für meinen Kopf aber auch für meinen Alltag ist es wichtig, ein zweites Standbein zu haben. Wenn es im Sport einmal nicht läuft, hat man immer noch andere Bereiche, in denen man Leistung zeigen und Erfolgserlebnisse sammeln kann. Natürlich ist es auch im Hinblick auf das Ende der Karriere wichtig, etwas zu haben, auf das man zurückgreifen kann. Keiner weiß, wie lange man das Glück hat, Handball zu spielen. Es beruhigt das Gemüt, falls es einmal sportlich nicht optimal läuft. Daher empfehle ich jedem, sich über Praktika bei einem Sponsor auszuprobieren oder ein Fernstudium anzufangen oder eben auch regional nach einem Studium Ausschau zu halten. Letztlich sollte der Handball aber immer oberste Priorität haben.

Auch während der Schulzeit ist es eine Herausforderung, den schulischen Weg und die sportliche Karriere zu vereinen. Was kannst du Nachwuchssportlern raten, um Sportkarriere und Schullaufbahn zu koordinieren?

Bei mir war es tatsächlich so, dass meine Schule mich unterstützt hat aber Handball keinen allzu großen Stellenwert hatte. Deshalb möchte ich allen empfehlen, Schulen auszuwählen, die den dualen Weg unterstützen. Am besten ist das eine Schule, die in der Stadt des Vereins liegt oder eben Internate oder Sportschulen, die auf jeden Fall Verständnis für die sportliche Karriere haben und darauf spezialisiert sind. Falls nicht, wie in meinem Fall, würde ich empfehlen, dass der Verein ein Schreiben mit der Bitte um Entlastung für den Sportler oder die Sportlerin ausstellt. Bei mir wurde darum gebeten, dass ich auf Grund der hohen Belastung schon in jungen Jahren, mehr Zeit für Tests oder Hausaufgaben bekomme. Dafür würde ich mich auf jeden Fall einsetzen.

Nun aber zu deinem Unternehmen. Wer steckt hinter „Nahtstelle“, was macht ihr genau und warum habt ihr euch für diesen Namen entschieden? 

Hinter Nahtstelle steckt ein fünfköpfiges Gründerteam – ich bin einer davon. Wir sind eine Kleider-Lifestylemarke von Handballern für Handballer. 

Bezüglich des Namens haben wir uns überlegt, dass dieser Handballbezug haben aber nicht zu plakativ sein soll. Wir wollten einen Namen, mit dem sich jeder Handballer identifizieren kann. Auf der anderen Seite soll aber jeder Nicht-Handballer nicht direkt wissen, dass es mit dem Handballsport zu tun hat. Es ging also darum, einen kleinen Insider zu schaffen. „Nahtstelle“ war tatsächlich der erste Begriff, der uns in den Kopf kam. Es ist einer der wichtigsten Begriffe im Handball. In die Nahtstelle zu stoßen und andersherum die Nahtstelle zu schließen, ist die wichtigste Aufgabe im Handball, um zum Torerfolg zu kommen oder ihn zu verhindern. Dann haben wir festgestellt, dass es auch in der Mode eine Nahtstelle gibt. Das sind die Stellen, die das Produkt zusammenhalten. Zum Beispiel, wenn der Ärmel eines T-Shirts genäht wird, entsteht eine Nahtstelle. Deswegen passt der Begriff perfekt zu dem, was wir tun.

Du bist bei euch im Unternehmen verantwortlich für die Bereiche Strategie, Kommunikation und Produktentwicklung. Was darf man darunter verstehen, welche Aufgaben fallen für dich an?

Die Produktentwicklung ist tatsächlich mein Steckenpferd, meine tägliche Arbeit. Gemeinsam mit unserem Produktdesigner und unserem technischen Designer entwickeln wir die Produkte erst einmal selbst. Das heißt die Schnitte und das Design entwickeln wir und dann arbeiten wir mit Produktionsstätten zusammen. Hier wird die Herstellung vorgenommen. Dann geht die richtige Arbeit eigentlich erst los. Ich sorge dafür, dass alles so bei der Produktionsstätte ankommt, wie wir es auch wirklich haben wollen. Die Muster und deren Qualität müssen kontrolliert werden und Anpassungen vorgenommen werden, sodass die Kollektion dann am Ende genau unseren Vorstellungen entspricht. Das ist der große Bereich Produktentwicklung. Strategie und Kommunikation kann man so zusammenfassen, dass ich als Geschäftsführer hauptsächlich die strategische Planung übernehme. Wir sind zwei Geschäftsführer und zusammen überlegen wir uns, was die nächsten Schritte sind, um unser Unternehmen nach vorne zu bringen. Kommunikation umfasst eigentlich alle Berührungspunkte mit den Kunden aber auch mit Partnern und Mitarbeitern. Hier liegt meine Stärke, richtig mit den Leuten zu kommunizieren, die mit Nahtstelle zu tun haben. 

Was hat dir die Start-Up- bzw. Gründerszene persönlich gelehrt? Wie hast du dich durch die Führung eines eigenen Unternehmens weiterentwickelt?

Man kann tatsächlich sagen, dass es sehr viele Überschneidungen zum Mannschaftssport gibt. Es liegt zwar auf der Hand, aber es ist tatsächlich so, dass man lernt, im Team an Projekten zu arbeiten. Man macht täglich Dinge, die man nicht kannte und man vorher nicht wusste, ob man überhaupt qualifiziert dafür ist und es braucht Mut, neue Dinge zu machen. Gelehrt hat mir die Zeit vor allem Durchhaltevermögen. Das ist eigentlich das Allerwichtigste. Wir waren schon so oft kurz davor, alles hinzuschmeißen. Wir dachten, wir schaffen das nicht und wussten nicht, wie es weitergehen soll. Es ist wichtig, immer weiterzumachen und daran zu arbeiten, sich täglich zu verbessern und auf einmal werden unmögliche Dinge erreichbar. Man selbst wächst unglaublich schnell und lernt ständig dazu. Dasselbe gilt im Leistungssport. Man muss immer weitermachen und selbst, wenn man eine schwierige Phase hat und vielleicht fünf Fehler hintereinander gemacht hat, muss man sich trauen, den nächsten Schritt zu machen. Vielleicht wird es ein weiterer Fehler, aber vielleicht wird es auch ein Erfolg. Wenn es eine schwierige Phase gibt, muss man weiter an sich arbeiten und vor allem daraus lernen. 

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